Reizdarm durch Stress

Es gibt verschiedene Hinweise darauf, dass übermäßiger Stress dazu führt, dass sich die Symptome, die durch ein Reizdarmsyndrom entstehen, verschlimmern. Auch Betroffene berichten immer wieder von diesem Phänomen. So induzieren Gedanken, Gefühle und manchmal auch einfach ganz besondere Situationen eine Zu- oder Abnahme von Symptomen, zu denen Verstopfung, Durchfall, Bauchschmerzen sowie Blähungen gehören.

Dieser kausale Zusammenhang zwischen der Psyche und einem Reizdarmsyndrom lässt sich leicht durch das intensive Wechselspiel zwischen unserem Nerven- und Verdauungssystem erklären. Damit Sie selbst mit dieser teilweise sehr einschränkenden Krankheit besser klarkommen, sollten Sie die Zusammenhänge zwischen diesen wichtigen Systemen Ihres Körpers besser verstehen lernen.

Für was genau steht der Begriff „Bauchhirn“?

Fachlich spricht man vom Enterischen Nervensystem, welches ein wichtiger Teil unseres autonomen Nervensystems bildet, zu dem auch der Sympathikus und der Parasympathikus zuzurechnen ist. Weil diese prinzipiell auch ohne die Aktivität unseres Zentralen Nervensystems funktionieren können, bezeichnet man sie auch als autonom und unterscheidet sie damit vom willkürlichen Teil unseres Körpers. So können Sie in der Regel die meisten Ihrer Darmfunktionen nicht willkürlich, sondern ausschließlich unwillkürlich steuern. Das Unterbewusstsein transportiert jedoch sehr wohl Informationen (wie zum Beispiel Stress) zum autonomen Darmnervensystem.

Auf der anderen Seite spricht der Volksmund auch gern vom sprichwörtlichen „Bauchgefühl“, falls Intuition und das Empfinden von Stimmungen im Vordergrund stehen. Dieses Bauchgefühl hilft Ihnen auch dabei zwischen Angespanntheit und Entspannung zu unterscheiden. Auf diese Art und Weise kann das enterische Nervensysteme auch Informationen an Ihr zentrales Nervensystem weitergeben, sodass auch dadurch Stress und Unwohlsein resultieren können. Im Englischen spricht man daher von der Brain-Gut-Axis, was so viel wie „Darm-Hirn-Achse“ bedeutet. Erkrankungen oder Fehlfunktionen des enterischen Nervensystems sind Ursache für eine schlechtere Beweglichkeit (Motilität) Ihres Darms und gelten vielfach als eine der Ursachen für das Reizdarmsyndrom.

Wie können sich Stresszustände und das enterische Nervensystem (Bauchhirn) gegenseitig beeinflussen?

Alle Vorgänge im Magen-Darm-Trakt, also die gesamte Verdauung, werden durch Ihr enterisches Nervensystem gesteuert. Jedoch sind diese Verschaltungen zwar von Charakter her autark, werden jedoch von vielen anderen Systemen des Organismus beeinflusst. Den größten Einfluss haben dabei die anderen Bereiche des so genannten vegetativen (autonomen) Nervensystems, der:

  1. Parasympathikus
  2. Sympathikus

Im Folgenden werden wir Ihnen deshalb die Funktionsweise dieser beiden wichtigen Nervengruppen erläutern.

Welchen Einfluss hat der Parasympathikus auf unsere Verdauung?

Die Hauptaufgabe dieses Nervensystems besteht daran, die Verdauung zu fördern und die Entspannung zu erleichtern. Dabei reduziert er die meisten Körperfunktionen, welche nicht direkt mit der Verdauung zu tun haben. So bereitet sich unser Körper auf das Schlafen, Verdauen, die Nahrungsaufnahme und das Entspannen vor. Damit wird auch die Regeneration unterstützt. Damit steht der Parasympathikus im Gegenspiel zu Sympathikus, welcher für Kampf- und Flucht-Situationen verantwortlich ist.

Welchen Einfluss hat der Sympathikus, der Gegenspieler des Parasympathikus, auf unsere Verdauung?

Die Aufgabe des Sympathikus ist die Vorbereitung unseres Körpers auf Situationen, die im Englischen als „Fight-or-Flight“ bezeichnet werden, was so viel bedeutet, wie „Kämpfen oder Flüchten“. In beiden Situationen ist es wichtig, den Körper möglichst mobil zu machen, was durch die Stresshormone Cortisol und Adrenalin erfolgt. Darüber hinaus werden den Muskel wichtige Nährstoffe, zum Beispiel Glucose, zur Verfügung gestellt, damit diese gut arbeiten können. Wird der Sympathikus aktiviert erhöhen sich Blutdruck und Herzfrequenz, die Atmung wird beschleunigt und der Muskeltonus steigt, wodurch manchmal auch die Blase unwillkürlich entleert wird (im Volksmund: „sich vor Angst in die Hose machen“). Zusätzlich werden Funktionen, wie die Verdauung, die in lebensbedrohlichen Situationen nur eine untergeordnete Rolle spielen, reduziert bzw. verlangsamt. Auch wenn die Häufigkeit von lebensbedrohlichen Situationen im Vergleich zur Lage unserer Vorfahren stark abgenommen hat, ist auch diese Nervengruppe heute noch aktiv und wichtig.

Das Wechselspiel von Sympathikus und Parasympathikus und dessen Störungen

Es gibt viele Gründe und Situationen in unserem heutigen Leben, die dazu führen, dass Stress entsteht und die entsprechenden Hormone ausgeschüttet werden. Im Gegensatz zu den Bedrohungen durch wilde Tiere, wie es sie in grauer Vorzeit häufiger gab, ist dabei jedoch keine unmittelbare körperliche Anstrengung verbunden, um diese zu überwinden. Beispiele für eine solche „fälschliche“ Aktivierung des sympathischen Nervensystems sind Prüfungen, Staus, Besuche von Verwandten, Bewerbungsgespräche, Konflikte auf der Arbeit oder innerhalb der Familie usw. Dies führt jedoch im Umkehrschluss dazu, dass unser Körper eine Menge Energie für die Muskeln bereitstellt, ohne dass diese tatsächlich benötigt oder gar verbraucht wird. Menschen, die besonders häufig unter Stress zu leiden haben, reagieren deshalb oft mit Kopfschmerzen, Magen-Darm-Problemen, Muskelverspannungen, Nackenschmerzen oder Herzrasen.

Bei Menschen mit einem Reizdarmsyndrom kommt zudem erschwerend hinzu, dass deren Reizschwelle insgesamt sehr niedrig ist, wodurch sie noch schnelle und stärker gestresst werden. Typisch ist, dass die Symptome, wie Durchfall oder ein häufigerer Stuhlgang in entspannten Situationen, wie im Urlaub, meist abklingen oder nachlassen, während sie bei Stress besonders stark ausgeprägt sind.

Kurz zusammengefasst ist Stress also in der heutigen Zeit besonders häufig mit einem lange anhaltenden Ungleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus, also im vegetativen Nervensystem, verbunden. Es kommt zu einer mangelnden oder fehlgeleiteten Kommunikation zwischen den beruhigen und aktivierenden Nervenfasern, sodass durch Stress die Symptome eines Reizdarms stark verstärkt werden.

Die Entstehung vom Stress durch das Reizdarmsyndrom

Doch zu allem Überfluss kann es zu einem sich selbst verstärkenden Kreislauf kommen, weil auch das Reizdarmsyndrom an sich ein Auslöser von Stress sein kann. Dies ist, neben psychologischen Aspekten, zum Beispiel dadurch erklärbar, dass der Darm auch Signale an unser Gehirn weitergeben kann. Dazu existieren die folgenden Möglichkeiten:

  • Hormone, die vom Darm ausgeschüttet werden
  • Cytokine, also bestimmte Botenstoffe einzelner Zellen
  • Abbauprodukte der Darmbakterien
  • Der Vagus-Nerv sowie weitere Nerven

Auf diesem Wege ist es unserem Gehirn möglich, den Zustand des Darms unterbewusst wahrzunehmen. Dadurch hat dieser auch einen direkten Einfluss auf die Gefühle, Handlungen sowie unsere Gedanken.

Der negative Einfluss von Stress auf das Reizdarmsyndrom

Viele Patienten, die unter einem Reizdarmsyndrom leiden, berichten davon, dass stressige Situationen die Symptome erheblich verschlimmern können. Wie bereits dargelegt, geht es dabei aber keinesfalls darum, dass sich die Patienten diesen Stress etwa nur einbilden. Hauptgrund für diesen engen Zusammenhang ist die enge Verzahnung der zentralen und peripheren Nervensysteme sowie viele weitere Interaktionen. Daher weiß man heute sicher, dass eine direkte Wechselwirkung zwischen Darmproblemen und Stress gibt.

Durch die für ein Reizdarmsyndrom typischen, eng begrenzten Mikroentzündungen Ihres Darms ist dieser noch empfindlicher. Weil es dadurch zu einer verstärkten Wahrnehmung der Darmbeschwerden kommt, entsteht dadurch ein zusätzlicher Stress. Dadurch den negativen Einfluss desselben auf die Krankheit entsteht, wie oben dargelegt, ein Teufelskreis, der sich selbst verstärkt und nur schwer durchbrochen werden kann. Ein wichtiger Ansatzpunkt für die moderne Behandlung eines Reizdarmsyndroms ist daher die gezielte Verminderung von Stress im Alltag. Dies kann unter anderem durch Entspannungsmassagen oder Ausdauersport oder einen sonstigen Ausgleich erfolgen.

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